The People Lab.
Meine Erfahrung

Ich habe aufgehört, mich selbst aufzugeben

Meine Geschichte: von Kohlsuppe in den 90ern über zehn Jahre ohne Waage bis zu 25 Kilo weniger — und zu einem Blick auf mich, den ich lange nicht hatte.

Vor ein paar Wochen zeigte mir meine Tante ein Foto von mir, auf dem ich ungefähr 16 Jahre alt gewesen sein muss. Ich schaute dieses Bild an und dachte: Krass, Andrea, du warst richtig dünn. Eigentlich war ich sogar dürr. Und das Verrückte daran ist, dass ich mich damals überhaupt nicht so gefühlt habe. Ich weiß ziemlich genau, dass ich mich schon mit 16 zu dick fand.

Persönliche Erfahrung. Keine medizinische Beratung, keine Empfehlung und keine Übertragbarkeit auf andere Menschen.

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Kohlsuppe, Abführmittel und ein Körpergefühl, das nie gestimmt hat

Wir reden hier von den frühen 90ern. Kein Instagram, kein TikTok, kein Social Media und kein Algorithmus, der einem rund um die Uhr irgendwelche perfekten Körper vors Gesicht hielt. Und trotzdem waren Figur, Gewicht und Abnehmen für uns junge Frauen ein Riesenthema. Vielleicht anders als heute, aber ganz sicher nicht weniger präsent.

Wir haben wirklich jeden Quatsch ausprobiert, der irgendwo herumgereicht wurde. Abführmittel, irgendwelche Diäten und natürlich Kohlsuppe. Ich weiß nicht, wie viele Töpfe Kohlsuppe ich in meinem Leben gekocht habe. Zwei Tage später konnte man keinen Kohl mehr sehen, die Wohnung war vollgepupst und wenn man parallel einen Mann treffen wollte, hatte man plötzlich ganz andere Probleme als die Zahl auf der Waage.

So ungefähr sah Diät für mich sehr lange aus: wenig essen, Hunger haben, durchhalten. Viel mehr Konzept war da eigentlich nicht. Ich hatte keine Ahnung von Kalorienbedarf, Erhaltungskalorien, Eiweiß, Sättigung oder davon, warum manche Lebensmittel völlig harmlos aussehen und sich am Ende trotzdem massiv summieren. Ich habe tatsächlich erst mit fast 49 Jahren richtig verstanden, wie Ernährung bei mir funktioniert.

2015 machte ich die HCG-Stoffwechseldiät. Ich wog damals schon ungefähr 90 Kilo und nahm damit, wenn ich mich richtig erinnere, 13, 14, vielleicht 15 Kilo ab. Natürlich fühlte ich mich danach großartig. Das ist ja logisch. Wenn man sich vorher lange zu schwer gefühlt hat und plötzlich deutlich weniger wiegt, dann ist das erst einmal ein tolles Gefühl.

Heute weiß ich, dass diese Diät im Grunde von extrem wenig Kalorien und Globuli gelebt hat, und ich würde diesen Quatsch mit meinem heutigen Wissen nicht noch einmal machen. Damals wusste ich es nicht besser. Danach kam ziemlich viel Leben.

Ich trennte mich von meinem Mann, zog nach Leipzig und war plötzlich alleinerziehend mit meinem damals zehnjährigen Sohn in einer Stadt, in der ich keine Familie und zunächst auch keine Freunde hatte. Ich musste mir hier erst einmal überhaupt ein Leben aufbauen. Mein Gewicht stand da ganz sicher nicht an erster Stelle. Ich dachte eher: Du hast jetzt abgenommen, das wird schon irgendwie passen.

02

Wenn man sich selbst gute Erklärungen baut

Und ich hatte sowieso nie das Gefühl, mich besonders beschissen zu ernähren. Ich trank keine Cola, keine Limonade, eigentlich auch keinen Saft. Ich trinke Wasser, Tee und seit vielen Jahren schwarzen Kaffee. Ich esse nicht ständig Süßigkeiten, ich mag nichts Frittiertes und Chips interessieren mich nicht.

Wenn also jemand sagte, man müsse einfach die Cola weglassen oder weniger Süßes essen, dachte ich immer: Schön, aber das hilft mir jetzt leider nicht weiter, weil ich das alles gar nicht mache. In meiner eigenen Wahrnehmung machte ich ziemlich viel richtig. Und genau deshalb konnte ich mir irgendwann nicht mehr erklären, warum ich trotzdem immer weiter zunahm.

Vielleicht hilft es an der Stelle zu erwähnen, dass ich bestimmt zehn Jahre lang keine Waage besessen habe. Das ist ausgesprochen praktisch, wenn man sein Gewicht nicht kennen möchte. Ich orientierte mich an meinen Klamotten, und das musste reichen, um mich irgendwie in Schach zu halten.

Nur kann man sich auch dabei erstaunlich viel erzählen. Wenn man irgendwann nur noch in Größe 44 passt, dann liegt es natürlich daran, dass die Bekleidungsindustrie inzwischen völlig bescheuert schneidert. Wenn eine Hose bei COS mit Ach und Krach zugeht und man darüber eigentlich nur noch eine Oversize-Strickjacke tragen kann, damit niemand sieht, wie sehr sie am Bauch einschneidet, dann denkt man eben: Die haben ihre Schnitte verändert.

Der Kopf ist ziemlich gut darin, Erklärungen zu finden, mit denen man leben kann. Meine lautete lange: Wechseljahre, Hormone, älter werden. Ist jetzt eben so. Wenn ich mich im Spiegel angeschaut habe, fand ich mich auch gar nicht so schlimm. Natürlich wusste ich, dass da zu viel war. Aber richtig dick? So habe ich mich nicht gesehen.

Zwei eigene Fotos nebeneinander: links im schwarzen Leinenkleid draußen, rechts im schwarzen Top und weiter heller Jeans in einer Umkleidekabine.
Eigenes Foto · Vorher und heute

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Ein Sonntag am Cospudener See

Bis zu einem Sonntag im Sommer 2025.

Ich war am Cospudener See in Leipzig, einer meiner Lieblingsbeschäftigungen im Sommer, und lief nach einem schönen Tag völlig zufrieden Richtung Auto. Dann fuhr ein Mann auf einem Fahrrad an mir vorbei und rief im Vorbeifahren: „Geh mal zur Seite, du fette Hummel.“

Und fuhr weiter.

Ich kann bis heute nicht genau erklären, warum dieser Satz so gesessen hat. Vielleicht weil mir in meinem ganzen Leben noch nie ein völlig fremder Mensch so offen gesagt hatte: Du bist dick. Vielleicht weil das Bild, das dieser Mann von mir hatte, überhaupt nicht zu dem passte, das ich selbst von mir hatte. Vielleicht auch einfach, weil es eine maximal beschissene Art ist, einen anderen Menschen zu behandeln.

Der Sonntag war jedenfalls gelaufen.

Ich war damals 48 Jahre alt. Meine Freunde hatten mich nie so behandelt, mein Sohn hatte mich nie so gesehen und ich selbst hatte mich eben auch nicht als „fette Hummel“ wahrgenommen. Ich bin danach nicht wochenlang zusammengebrochen, aber dieser Satz blieb irgendwo hängen. Er ploppte immer mal wieder auf.

04

Sylt, eine fremde Frau und ein kleiner Gedanke

Im Oktober 2025 war ich dann mit einer Frauengruppe auf Sylt. Dort lernte ich zum ersten Mal eine Frau kennen, die die sogenannte Abnehmspritze nahm, und zwar Mounjaro. Bis dahin hatte ich diesen Namen noch nie gehört. Ozempic kannte ich aus den Medien, Mounjaro sagte mir überhaupt nichts.

Und ganz ehrlich: Abnehmspritze war für mich bis dahin immer eher Kategorie „kommt für mich nicht infrage“. Ich hatte mich nie wirklich damit beschäftigt, hatte also im Grunde wenig Wissen und trotzdem schon eine Meinung dazu. Wie man das eben manchmal macht.

Auf Sylt fiel mir dann etwas auf, ohne dass ich es besonders analysiert hätte. Wir waren unterwegs, saßen irgendwo zusammen, vielleicht in der Sansibar, und diese Frau konnte einfach eine kleine Portion essen oder einen Kakao mit Sahne trinken. Und dann war gut. Da musste nicht noch das Schnitzel hinterher und danach der Nachtisch, nur weil man schon mal da war.

Ich saß nicht daneben und dachte: Aha, das ist jetzt meine Zukunft. Überhaupt nicht. Es war eher so ein kleiner Gedanke im Hintergrund: Interessant.

Zur selben Zeit stand bei mir ein Vorstellungsgespräch bei einem größeren Konzern an und ich wollte mir dafür eine neue Stoffhose kaufen. Also ging ich zu COS, probierte Größe 44 und bekam die Hose mit Ach und Krach zu. Der Bauch war so eingeklemmt, dass ich sofort dachte: Da muss definitiv etwas Langes drüber.

Und natürlich war mein erster Gedanke nicht: Andrea, vielleicht hast du ordentlich zugenommen. Mein Gedanke war: COS schneidert inzwischen aber auch ganz schön klein.

Parallel fiel mir mein Gesicht immer stärker auf. Es wurde runder, aufgedunsener, und mein Doppelkinn war irgendwann einfach da. Ich konnte mich vor dem Spiegel drehen und wenden, den Kopf heben, zur Seite drehen oder das Kinn nach vorne schieben, es half alles nichts. Man konnte es nicht mehr wegnicken.

Zwei eigene Porträts nebeneinander: links mit brauner Cap in einem Restaurant, rechts im dunklen Blazer vor hellem Hintergrund.
Eigenes Foto · Vorher und heute

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Wochenlang recherchieren, mit niemandem reden

Ich weiß heute gar nicht mehr genau, welcher einzelne Moment schließlich dazu geführt hat, dass ich anfing zu recherchieren. Es gab keinen dramatischen Abend, an dem ich weinend vor dem Spiegel stand und beschlossen habe, mein Leben zu ändern. Irgendwann fing ich einfach an, das Internet auseinanderzunehmen.

Ich las über Mounjaro, über Wirkung, Nebenwirkungen, Erfahrungen, Risiken und darüber, für wen das Medikament überhaupt infrage kommt. Ich sprach mit niemandem darüber. Wirklich mit niemandem. Ich wollte auch keine Ärzte-Odyssee machen, sondern erst einmal verstehen, was das überhaupt ist und ob es für mich infrage kommen könnte.

Über einen ärztlichen Online-Anbieter durchlief ich schließlich den medizinischen Verifizierungsprozess. Dafür brauchte ich etwas, das ich ungefähr zehn Jahre erfolgreich vermieden hatte: eine Waage. Ausgerechnet eine Abnehmspritze sorgte also dafür, dass ich überhaupt wieder herausfand, was ich eigentlich wog.

Mein BMI lag ungefähr bei 32. Nach der ärztlichen Prüfung bekam ich ein Rezept. Damit hätte die Sache theoretisch losgehen können.

Praktisch traute ich mich erst einmal nicht zur Apotheke.

Dann hatte ich das Medikament irgendwann abgeholt, legte es in den Kühlschrank und da lag es. Ich hatte nämlich keine Ahnung, wie man sich selbst eine Spritze gibt. Und weil ich mit niemandem darüber gesprochen hatte, konnte ich auch schlecht jemanden anrufen und sagen: Du, ich habe hier jetzt dieses Ding im Kühlschrank und traue mich nicht.

06

London, ein paar Fotos und der Unterschied zum Spiegel

Dann stand noch London an. Ich hatte vorher gelesen, dass es vielleicht nicht die beste Idee ist, direkt vor einer Reise mit einem neuen Medikament zu beginnen, und das fand ich ziemlich einleuchtend. Falls irgendetwas unangenehm läuft, möchte man das lieber zu Hause herausfinden als in irgendeinem Hotelzimmer in London.

Also flog ich erst einmal.

Dort machten wir natürlich Fotos, viele Fotos, und irgendwann landeten die in unserer WhatsApp-Gruppe. Da waren Bilder von mir dabei, die andere gemacht hatten, und ich fand sie schlimm. Wirklich schlimm.

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man sich selbst im Spiegel sieht oder ob jemand anderes einen fotografiert. Im Spiegel kennt man seine Winkel, man weiß, wie man den Kopf hält, man sieht sich jeden Tag und merkt Veränderungen nur langsam. Und dann fotografiert dich jemand einfach von der Seite und denkt sich nichts dabei, während du das Bild anschaust und nur denkst: Scheiße.

Das war bei mir wirklich so. Ein einziges Foto konnte mir den Tag versauen.

Heute ist das komplett anders, und das klingt vielleicht banal, aber für mich ist es riesig. Wenn mich heute jemand fotografiert, stresst mich das nicht mehr. Ich muss nicht sofort kontrollieren, wie ich aussehe, muss nicht hoffen, dass das Bild gelöscht wird und muss nicht überlegen, wie ich mich hinstellen soll.

Ich kann mich anschauen. Und ich mag mich. Das ist ein Wahnsinnsgefühl.

Zwei eigene Spiegelfotos nebeneinander: links im dunklen T-Shirt mit der Aufschrift 95 Kilo, rechts im hellen Shirt mit der Aufschrift 75 Kilo.
Eigenes Foto · Vorher und heute

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25. November 2025 — und danach ein Teller Nudeln

Am 25. November 2025 war es dann so weit. Zufällig war meine Freundin Sarah bei mir. Sie kennt sich beruflich mit Injektionen aus und zeigte mir, wie man sowas überhaupt macht. Dann nahm ich meine erste Mounjaro-Injektion.

Und danach kochte ich mir Nudeln. Ganz normal. Ich hatte ja keine Ahnung, was jetzt passieren würde.

Irgendwann saß ich vor meinem Teller und merkte: Ich schaffe die Portion nicht. Ich war satt. Nicht dieses „eigentlich könnte ich jetzt aufhören, aber ich esse noch weiter, weil es so lecker ist“, sondern wirklich satt.

Mein erster Gedanke war: Andrea, jetzt red dir keinen Quatsch ein. Das bildest du dir ein. Placebo. Nur war dieser vermeintliche Placeboeffekt am nächsten Tag immer noch da. Und am nächsten auch.

Ich kochte weiterhin meine normalen Portionen und ließ Essen übrig. Das war für mich völlig verrückt. Natürlich kannte ich vorher auch Sättigung, aber ich glaube rückblickend, dass ich sehr oft darüber hinausgegessen habe, weil es gut geschmeckt hat, weil noch etwas auf dem Teller lag, weil alle anderen weiter aßen oder weil man eben noch Appetit hatte.

Und plötzlich gab es diesen Punkt, an dem mein Körper sagte: Fertig.

Zwei eigene Fotos nebeneinander: links im weißen T-Shirt mit der Aufschrift 95 Kilo, rechts im weißen T-Shirt und heller Streifenhose mit der Aufschrift 76 Kilo.
Eigenes Foto · Vorher und heute

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Es wurde ruhig in meinem Kopf

Noch viel krasser war aber etwas anderes: Es wurde ruhig in meinem Kopf. Ich kann es bis heute nicht besser beschreiben. Es war einfach Ruhe da, und das Verrückte daran ist, dass ich vorher gar nicht wusste, dass es laut gewesen war.

Ich wusste nicht, wie viel Raum Essen in meinem Kopf eingenommen hatte, bis dieser Raum plötzlich kleiner wurde. Genau das war für mich wahrscheinlich der eigentliche Gamechanger, weil ich mich auf einmal mit Ernährung beschäftigen konnte, ohne die ganze Zeit gegen mich selbst anzukämpfen.

Ich fing an, jeden Tag in ChatGPT hineinzusprechen, was ich gegessen hatte, fast wie in ein Tagebuch. Parallel aktivierte ich Yazio wieder und trug wirklich alles ein. Dann verstand ich zum ersten Mal, wo meine ganz persönlichen Stolperfallen lagen.

Es waren nicht Cola, Chips oder Schokolade, sondern Nudeln, Nüsse, Pesto, Öl, Parmesan, Brot, Aufstriche. Alles völlig normale Lebensmittel und nichts davon ist schlecht. Aber wenn man Pesto großzügig an Nudeln macht, Parmesan drüberreibt, vorher Brot mit Aufstrich gegessen hat und zwischendurch noch ein paar Nüsse, dann summiert sich das. Und zwar ordentlich.

Ich hatte mein ganzes Leben gedacht: Ich esse doch eigentlich gar nicht schlecht. Und das stimmte sogar. Ich hatte nur keine Ahnung, wie viel ich aß.

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Südafrika, elf Kilo weniger und ein Körper, der plötzlich mitmacht

Als ich mit Mounjaro anfing, hatte ich überhaupt keinen Plan, wo das hinführen sollte. Keine 70 Kilo, keine Größe 36, kein konkretes Zielgewicht. Ich dachte einfach: Wenn du fünf Kilo abnimmst, wäre das schon ziemlich cool. Aus fünf wurden ziemlich schnell zehn.

Als wir Ende Januar nach Südafrika flogen, hatte ich schon fast elf Kilo verloren und wog ungefähr 84 Kilo. Und ich fühlte mich dünn. Wirklich. Heute sehe ich diese Zahl und denke: interessant. Damals fühlte ich mich wie eine neue Frau.

Es war Sommer in Südafrika und ich war wie gelöst. Reisen fühlte sich plötzlich anders an, ich bewegte mich leichter, konnte besser atmen, mein Fuß tat nicht mehr weh und meine Hüfte machte keine Probleme mehr.

Das hat mich fast noch mehr überrascht als die Zahl auf der Waage, weil ich diese Beschwerden längst unter „älter werden“ abgelegt hatte. Wechseljahre, Ende 40, da kommt jetzt eben irgendwas. Ich hatte zwischendurch ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich irgendwann aus meiner Wohnung im dritten Stock ausziehen und mir etwas im Erdgeschoss suchen müsste, weil meine Hüfte solche Probleme machte.

Und plötzlich war vieles davon weg. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass einiges von dem, was ich als Alter abgespeichert hatte, vielleicht gar nicht das Alter war. Vielleicht war es einfach auch ein Körper, der jeden Tag deutlich mehr Gewicht mit sich herumgetragen hat.

Zwei eigene Fotos nebeneinander: links im weißen T-Shirt und grauer Jeans, rechts im pinken Top und weiter dunkler Jeans.
Eigenes Foto · Vorher und heute

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Fast 50, 70 Kilo und ein völlig anderer Blick

Ende Februar kam ich aus Südafrika zurück. Jetzt ist September 2026. Ich wiege ungefähr 70 Kilo bei 1,72 Meter und 25 Kilo sind weg.

Wenn ich heute Klamotten kaufe, greife ich je nach Hersteller zu S oder M, zu 36 oder 38, und ich finde das bis heute völlig crazy. Ich stehe manchmal in einer Umkleidekabine, halte eine Hose hoch und denke: Die passt niemals. Dann passt sie. Ich bin fast 50 und gefühlt in der Form meines Lebens. Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet.

Und vielleicht muss ich an dieser Stelle etwas aussprechen, was ich lange nicht so klar gesagt hätte: Ich hatte mich äußerlich aufgegeben. Nicht komplett. Natürlich habe ich mich geschminkt, mich angezogen und mein Leben gelebt. Aber irgendwo in mir hatte ich innerlich kapituliert.

Ist jetzt eben so. Ich bin alt. Einen Mann finde ich sowieso nicht mehr. Ist doch eigentlich egal, wie ich aussehe. So ungefähr. Ich hatte aufgehört, mir vorzustellen, dass ich mich irgendwann noch einmal richtig wohl in meinem Körper fühlen könnte.

Genau das ist heute anders, und ich genieße es wirklich jede Sekunde. Nicht weil Größe 36 einen besseren Menschen aus mir macht und nicht weil 70 Kilo moralisch wertvoller wären als 95, sondern weil ich mich wiedererkenne, weil ich mich gerne anschaue, weil ich mich leicht fühle, weil ich mich auf Fotos nicht mehr verstecken möchte und weil ich Kleidung kaufe, weil sie mir gefällt und nicht danach, was möglichst viel von mir verdeckt.

Zwei eigene Spiegelfotos nebeneinander, beschriftet mit Juni 26 und Dezember 25: links im weißen Top und langem Punkterock, rechts im hellen Top und pinker Leggings.
Eigenes Foto · Dezember 2025 und Juni 2026

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Was die Spritze für mich getan hat — und was nicht

Und weil ich irgendwann verstanden habe, dass diese Spritze eben keine Kilos „wegspritzt“. Auch ich habe abgenommen, weil ich weniger Kalorien aufgenommen habe. Der Unterschied war, dass Mounjaro mir überhaupt erst ermöglicht hat, das zu tun, ohne permanent gegen mich selbst anzukämpfen.

Es hat mir Ruhe gegeben. Und in dieser Ruhe konnte ich lernen.

Heute kenne ich Lebensmittel, Portionen, Kalorien und meinen Körper auf eine Weise, wie ich das mein ganzes Leben nicht getan habe. Ich muss nicht mehr jedes Gramm kontrollieren. Ich tracke immer noch, aber längst nicht mehr so akribisch wie am Anfang. Oft trage ich abends ein, was ich gegessen habe, und stelle fest: passt.

Seit Mai geht ungefähr ein Kilo im Monat runter, ganz langsam. Ich bin längst im Normalgewicht und müsste überhaupt nicht weiter abnehmen. Trotzdem habe ich diese kleine Challenge mit mir selbst: Einmal die 6 vorne sehen, 69 Komma irgendwas. Nicht weil dann mein Leben beginnt. Mein Leben läuft längst. Ich will einfach wissen, ob ich es schaffe.

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Mein Umgang mit dem Medikament war mein eigener

Mein Umgang mit Mounjaro war dabei mein eigener. Ich bin bei einer niedrigen Dosis geblieben und habe für mich größere Abstände genutzt. Das ist keine Empfehlung und soll bitte auch niemand so verstehen. Es ist ein verschreibungspflichtiges Medikament und gehört ärztlich begleitet. Ich erzähle hier nur, wie mein Weg gelaufen ist.

Als ich nach Südafrika flog, hatte ich drei Wochen lang gar keine Spritze dabei und das machte mir am Anfang Sorgen. Ich glaube, sie hatte mir zu diesem Zeitpunkt auch einfach ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Irgendwann merkte ich dann, dass das Wissen, das ich mir aufgebaut hatte, trotzdem noch da war. Das fand ich fast noch wichtiger.

Heute habe ich überhaupt keinen Ehrgeiz, beweisen zu müssen, dass ich das jetzt „alleine“ schaffe. Wenn ich irgendwann merken würde, dass es wieder deutlich in die falsche Richtung geht, würde ich jederzeit wieder mit einem Arzt über eine Therapie sprechen. Warum sollte ich daraus einen Wettbewerb machen?

Ich finde auch nicht, dass jeder Mensch dieses Medikament irgendwann unbedingt absetzen muss. Der eine braucht es vielleicht für eine bestimmte Zeit, die andere länger, vielleicht dauerhaft. Das ist keine Frage von Disziplin und ganz sicher keine Frage, die irgendein fremder Mensch im Internet für einen beantworten sollte.

Ich bin diesem Medikament dankbar, sehr sogar. Nicht weil es mein Leben für mich erledigt hat, sondern weil es etwas geöffnet hat. Ich konnte zum ersten Mal hinschauen, ohne permanent gegen mich selbst anzukämpfen: auf meine Ernährung, auf meinen Körper, auf meine Gewohnheiten und auf all die kleinen Dinge, die sich über Jahre eingeschlichen hatten.

Mit fast 50 habe ich mehr über Ernährung verstanden als in den Jahrzehnten davor. Vielleicht ist das das Verrückteste an der ganzen Geschichte: dass ich so lange dachte, ich müsste einfach nur disziplinierter sein, obwohl ich gar nicht verstanden hatte, was da eigentlich passiert.

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Und dann der Gegenwind

Und dann gibt es noch einen anderen Grund, warum ich diese Geschichte erzähle. Als ich auf Instagram zum ersten Mal offen darüber gesprochen habe, dass ich eine Abnehmspritze nehme, wurde ich angegriffen, teilweise massiv. Von Menschen, die ich überhaupt nicht kannte, aber auch von Menschen aus meinem näheren Umfeld.

Das hat mich überrascht. Nicht weil ich dachte, jeder müsse meine Entscheidung toll finden, sondern weil ich eine medizinische Entscheidung über meinen eigenen Körper getroffen hatte. Meinen.

Und plötzlich hatten sehr viele Menschen eine Meinung dazu: dass ich den einfachen Weg gehe, dass man so nicht abnehmen dürfe, dass ich mir doch einfach mehr Mühe geben sollte. Irgendwann dachte ich: Wie absurd ist das eigentlich?

Wir beschämen Frauen jahrzehntelang für ihr Gewicht. Wir erzählen ihnen, sie müssten abnehmen. Wir erklären ihnen, sie seien undiszipliniert, wenn sie es nicht schaffen. Und wenn sie irgendwann eine medizinische Möglichkeit nutzen, mit der es funktioniert, ist das plötzlich auch falsch.

Offenbar soll eine Frau beim Abnehmen vor allem eines: leiden. Sonst zählt es nicht richtig.

Darüber werde ich noch separat schreiben, über Scham, Vorurteile und diese merkwürdige Moral, die wir an Körper, Gewicht und Essen hängen. Heute wollte ich erst einmal nur meine Geschichte erzählen.

Auf einen Satz gebracht

Die Geschichte von dem 16-jährigen Mädchen, das auf einem Foto sehr dünn aussieht und trotzdem überzeugt war, zu dick zu sein. Von Kohlsuppe und Globuli. Von zehn Jahren ohne Waage. Von Größe 44, an der selbstverständlich COS schuld war. Von einem Idioten auf einem Fahrrad am Cospudener See. Von einer Spritze, die erst einmal im Kühlschrank lag, weil ich mich nicht traute. Von einem Teller Nudeln, den ich plötzlich nicht aufessen konnte. Von Südafrika und diesem völlig absurden Gefühl, mich mit 84 Kilo plötzlich dünn zu fühlen.

Und von mir heute. Fast 50. 70 Kilo. 25 Kilo weniger. Vor allem aber mit einem völlig anderen Blick auf mich selbst.

Wenn ich diese ganze Geschichte heute auf einen Satz runterbrechen müsste, dann wäre es nicht: Ich habe 25 Kilo abgenommen.

Es wäre: Ich habe aufgehört, mich selbst aufzugeben.

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Über diesen Beitrag

Verfasst von Andrea

Persönliche Erfahrung und redaktionelle Aufbereitung für People Lab. Fachliche Angaben beruhen auf den unten genannten öffentlich zugänglichen Quellen.

Zuletzt inhaltlich geprüft: 11.09.2026

Dieser Inhalt dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Wie wir arbeiten

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